Samstag, 1. Oktober 2016

Abstand via Anstand

Kein Sonntagsthema, aber eins, was mir unter den Nägeln brennt...

Vorab...Vito hat mir gerade vollkommen unvorbereitet in die Brust gebissen. Ich habe ihm- hoffentlich unmissverständlich und auch laut gesagt, dass er dies zu unterlassen hat.

Mich beschäftigt seit mehreren Tagen ein Thema. Es lässt mich nicht mehr los. Die Gedanken kreisen und deshalb mach ich dieses Thema heute mal hier zum Thema.

Distanzlosigkeit bei Down Syndrom

Ich habe in Foren schon etliche Hilfeposts von Eltern  heranwachsender Kinder mit DS gelesen, die gerne möchten, dass ihr Kind/Teenager nicht  jeden Hinz und Kunz umarmt, streichelt, abknutscht. Manch kleine Maus klatscht sogar wildfremden Menschen auf den Po,

Dieser Charme, zu Allen und Jedem freundlich und nett zu sein, hängt diesen unseren Kindern ja an.

Jetzt gerade in Vito's Alter...also mit 3, da ist das ja noch sowas von knuffig, wenn er Jedem die Hand gibt, seine Arme um fremde Hälse schlingt. Aber ich stelle mir vor, mein Kind ist erwachsen und fährt ohne Mama mit dem Bus zur Arbeit und begrüßt da erstmal die versammelte Mannschaft im Bus mit Handschlag. Ganz ehrlich.. Die meisten werden das dann nicht mehr niedlich finden, sondern denken und vielleicht auch sagen:

" Der Depp hat se doch nicht mehr alle!"

Schon der Gedanke daran tut mir weh!

Sie sehen nämlich nicht die Mutter, die auf ihren Sohn total stolz ist, weil der nun ganz alleine die Busfahrt schafft. Sie sehen den Deppen, der jedem freundlich die Hand gibt, vielleicht auch umarmt und der ein  Depp is, weil er eben die Grenze nicht vermag zu ziehen, wem er die Hand geben soll und wem nicht, wann ein einfaches "Guten Morgen" reicht und wen man herzlich küssen darf.

Wie bringe ich meinem Kind also bei, was man in solchen Situationen macht und was nicht?

 Kinder im allgemeinen sind ja Nachahmer und wir müssen ihnen im Prinzip nur vorleben wie es geht. Kinder mit DS müssen Fertigkeiten, Handlungen aber bis zu 300 mal wiederholen, ehe sie es verinnerlicht haben. Jeder einzelne Tag ist ein einzigstes Training, wenn das auch keiner so mitbekommt. Es ist auch mühsam. Und es ist nicht gesagt, dass das Geübte und Eintrainierte nächste Woche noch genauso abrufbar.
 Wir hatten nämlich "Beißen" tatsächlich schon abgehakt, das war letztes Jahr aktuell.

Worauf will ich hinaus?

Wenn ich nicht möchte, dass mein Kind ein distanzloser Depp wird, muss ich was tun, muss ich trainieren mit ihm. Ich muss ihm lernen, wer Familie ist und wer Nachbar, Bekannte oder wildfremd.

Vito ist bei Begrüßungen und Verabschiedungen eher zurückhaltend. Papa bekommt einen Kuss oder zwei oder drei und der darf Vito auch "fressen".  Die Nachbarin gibt ihm schonmal ein Küsschen auf die Wange. Bekannte freuen sich mit uns und streicheln ihm über seinen (Dick)kopf. Bei Therapeuten fliegt er schonmal durch die Luft. Alles gut und richtig.

Und dann kommt so ein Fremder und knutscht mein Kind ab, weil er ja so niedlich, knuffig und was weiß  ich ist bzw. fordert Küsschen ein!!!

Habt ihr euch schon mal überlegt, wie es euch gehen würdet, wenn euch irgendjemand abschleckt? Oder würdet ihr wollen, dass eure Kinder mit Normalsyndrom....? Achnee...Die drehen sich ja selbst schon weg und sagen "iiiih".

Vito sagt das nicht, aber.....DAS werde ich ihm lernen. Irgendwie war ich da jetzt immer sprachlos. Ich bin ja ein freundlicher herzlicher Mensch, aber ich mag auch nicht, wenn mich wildfremde Menschen umarmen oder "Herzchen" nennen. Das macht nicht mal mein Mann! Da müsste ich lachen und im Prinzip wäre er da jetzt auch garnicht mein Mann geworden, wenn er so gesülzt hätte in unserer Kennenlernzeit.

Natürlich mag die Grenze zu dem Allen fließend sein, aber ich wünsche mir, dass man sich schon Gedanken darüber macht, ob man das jetzt mit seinen Kindern genauso wöllte.

Ich will jedenfalls keinen Depp, sondern einen Sohn, der seinen Weg geht, der be- und geachtet wird wie du und ich- auch wenn er das Niedlichkeitssyndrom in die Waagschale wirft.
Aus unserem kleinen Pflänzchen soll mal ein stattlicher Baum werden, zu dem man aufsieht!
Diese Botschaft dürft auch ihr gerne teilen.





1 Kommentar:

  1. Ja, ich hab auch Angst vor genau dem. Was ist wenn es nicht mehr niedlich ist, dass Jolina fremde Menschen umarmt, wie vor kurzem im Wartezimmer. Ich will das nicht. Dazu kommt, dass ich ein Mensch bin, der körperliche Nähe nicht mag, eine Umarmung unter freunden habe ich mühsam gelernt, doch es sieht nur herzlich aus, im inneren will ich das nicht. Liegt wohl an meinen leicht autistischen Zügen. Ich knuddel meine Kinder deshalb auch zu selten, obwohl ich sie sooo sehr liebe.... und dann kuschelt dieses Kind wirklich jeden an den es mag. Ist ein Riesenproblem von mir :-(

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